Freigelegte Farbfelder und gezeichnete Malerei

Die neuen malerischen Bildentwürfe des Künstlers Ahmet Oran

„Jegliche Änderung in der Malerei, jegliches Fortkommen in der Malerei schließt von nun an eine Änderung der malerischen Technik mit ein.“ Helen Frankenthaler[1]

Ahmet Oran ist im Laufe seines Künstlerlebens mit großem malerischem Geschick und intuitivem Gespür immer wieder zu neuen, überraschenden Bildfindungen gekommen. In den letzten Jahren hat der Künstler mit großen expressiv farbigen, abstrakten Gemälden seinen Stil in beeindruckender Weise weiterentwickelt und in Richtung der freien gestischen Malerei erweitert.

Das Öffnen des Bildes

Auf schwarz grundierter Oberfläche trägt Ahmet Oran eine monochrome Farbschicht nach der anderen auf, Schicht um Schicht bedeckt er die Leinwand mit Farben wie Blau, Rot, Gelb oder Grau. Reihenfolge der Farben und Ton sind vorher genau festgelegt. Ist die letzte Schicht aufgetragen und bearbeitet – manchmal bleibt sie monochrom, manchmal wird sie zu einer mehrfarbig verschwommenen Oberfläche –, beginnt der Künstler, wie er selbst sagt, „das Bild zu öffnen“. Oran verwendet, oft an mehreren Leinwänden gleichzeitig arbeitend, verschiedene Spachteln und unterschiedlich große Holzstücke. Sie ersetzen bereits seit Jahren den Pinsel als Malwerkzeug. Mit ihnen zeichnet er feine Linien und schält breite Balken in das Bild. Mit geübter Hand entscheidet er, bis zu welcher Farbe die Farbschichten abgetragen, wie viel Druck auf Spachtel oder Holz ausgeübt werden soll. Die freigelegten Farben erscheinen durch den Wechsel des Drucks in unterschiedlichen Intensitäten, Mischungen, Strukturen.

Der Künstler ist enorm angespannt. Denn die Ölfarben müssen feucht sein. Bis sie ganz trocken sind, kann es zwar ziemlich lange dauern – dick aufgetragen durchaus Wochen oder gar Monate –, aber das Bearbeiten im Sinne Orans ist nur kurze Zeit möglich. Bald bildet sich nämlich eine feine, dünne Haut, die sich nicht mehr einwandfrei abschaben lässt. Sie reißt und zerstört die glatte Oberfläche, exakte Linien können nicht mehr gezogen, klare Flächen nicht mehr freigelegt werden. Der Arbeitsprozess muss deshalb in vier oder fünf Tagen abgeschlossen sein, manchmal bleibt sogar noch weniger Zeit.

Aber Oran ist gut darauf vorbereitet. Er fertigt Entwürfe an, zeichnet seine Bilder virtuell am Computer vor. So kann er sich einen ersten Eindruck von der Farbkomposition und ihrer Wirkung verschaffen und festlegen, wie später die Striche und Balken ins Bild gesetzt werden sollen. Daraus entwickelt er Reihenfolge und Farbton der einzelnen Schichten, die er schriftlich festhält. So weiß er später, wo welche Farbe beim Offenlegen wieder auftauchen wird. Ob der Maler ein um eine Nuance stärkeres oder schwächeres Grün, Blau oder Rot nimmt, davon lebt das Bild, das entscheidet über seine Wirkung und seine Stimmung, seine Suggestivkraft.

Obwohl der Computerentwurf das Grundkonzept für die Bilder vorgibt und die malerische Herangehensweise durchdacht ist, wirken die Arbeiten keineswegs streng durchkomponiert oder gar starr ausgeführt. Ganz im Gegenteil, sie haben in ihrem expressiven Gestus etwas Leichtes und Spontanes. Und Spontanität ist im Malprozess natürlich immer dabei, vieles kann und will der Künstler nicht genau planen. Vor der Leinwand agiert er frei, intuitiv, jeder Schritt muss direkt am Bild neu entschieden werden. Beim Spachteln der Farbe, beim Ziehen der Linie ist dieser Freiraum unverzichtbar, um unmittelbar auf das Bild und seine haptische Präsenz reagieren zu können, um ein offenes Auge dafür zu haben, wohin die Hand die Spachtel führt und was es unter der Oberfläche zu entdecken, freizulegen gilt. Der geplante Zufall spielt eine wesentliche Rolle.

Letztendlich muss aber jede Linie und Fläche stimmen, ein nachträgliches Korrigieren und Ausbessern, wie sonst in der Malerei durchaus üblich, ist mit dieser Technik nicht möglich. So lastet bis zum letzten Strich eine große Anspannung und auch körperliche Anstrengung auf dem Künstler. Denn schlägt dieser fehl, ist das Bild verloren.

Malerei als prozessuales, selbstreflexives Medium

Oran gelingt es in seinen Arbeiten, den malerischen Akt für den Betrachter in seiner zeitlichen Dimension erfahrbar zu machen. Es ist wahrscheinlich kein bewusstes künstlerisches Anliegen, aber die Technik des Überlagerns einzelner Malschichten und des darauf folgenden Freilegens derselben macht den Schaffensprozess in seinem kreativen Ablauf sichtbar. Man sieht geradezu, wie Oran seine Ideen entwickelt, wie er sich an der Leinwand abkämpft, wie das Kunstwerk langsam Form annimmt. Im Ergebnis kann der Betrachter den Prozess der Entstehung erkennen, nachvollziehen und als entscheidend begreifen.

Orans Malerei ist abstrakt, ohne Verweise auf das Gegenständliche. Sie reduziert auf das Wesentliche: Farbe und Form – das sind leuchtende Farben, kräftige, langgezogene Linien, dick gespachtelte Streifen. Der malerische Strich ist radikal, unmittelbar und ohne Beiwerk, die gestische Abstraktion klar und konsequent ausgeführt. Tauchen in der Bildfindung Formen auf, die figurativ deutbar erscheinen, werden sie vom Künstler bewusst zerstört. Nichts soll von dem rein Malerischen ablenken. Gibt es eine Bilderzählung, kann sich der Künstler hinter sie zurückziehen oder sich auch hinter ihr verstecken, wenn aber wie bei Oran der Strich ganz offen daliegt, muss er für sich allein sprechen.

Ahmet Oran kann in seiner Reduktion auf fundamentale Malvorgänge zu den Vertretern einer prozessualen Malerei gezählt werden, unter denen er eine konsequent eigenständige Position einnimmt. Prozessuale Malerei ist der Versuch, Bildgestaltung primär aus maßgeblichen Eigenschaften und Reaktionsweisen der Farben zu entwickeln, und nicht aus narrativen oder kompositionellen Vorstellungen. Durch An- und Zumalen, Zuspachteln, Tropfen, Spritzen, Eintauchen und Anschütten entstehen kreativ gelenkte Selbstdarstellungen von Malerei, in denen die Konsistenz der Farbe in ihrem Verhältnis zur Schwerkraft und zur Beschaffenheit des Bildträgers sichtbar wird. Grundgelegt waren solche Ansätze in der gestisch-prozessualen Malerei des Informel, deren zunehmende Entleerung zur pathetisch-akademischen Attitüde aber zum Gegenbild dieser neuen selbstreflexiven Malerei wurde. Das Ergebnis prozessualer Malerei in reinster und reduziertester Form sind Monochromien wie die von Yves Klein oder musterartige All-over-Strukturen wie Jackson Pollocks „drip paintings“. Aber bis heute gibt es ein breites Spektrum unterschiedlichster individueller Ausformungen dieses Phänomens.[2]

Die radikale Negation der Figuration zugunsten von Farbe und Form, die Öffnung des Bildfeldes, die Aufwertung des Materials Farbe oder der Gebrauch des Zufalls: Oran vertritt einen Malereibegriff, der auf Selbstreferenzialität basiert und dem Betrachter eine nachhaltige Wahrnehmungserfahrung ermöglichen will. Seine Gemälde verzichten auf traditionelle Funktionen des Bildes wie Nachahmung und Illusion, sie wollen nicht abbilden und erzählen nichts. Es ist Malerei der selbstreflexiven Zuspitzung, die aus der Handlung des Malens entsteht und sich auf die fundamentalen Eigenschaften besinnt, eine Malerei, die noch im Format bleibt, aber ihre Gestaltung auf Aspekte der Farben und Malprozesse reduziert. Diese Vorgehensweise ist klar definiert und wiederholt sich in jedem einzelnen Bild oder den Bildserien.

Das unbegrenzte Bild

Die neuen Gemälde haben alle das gleiche Format. Sie sind dreiteilig mit einer Gesamtgröße von 250 mal 190 cm. Doch dieses konkrete Maß spielt eigentlich keine Rolle. Entscheidend ist, dass sie großformatig sind. Malerei wie jene von Oran braucht die große Fläche, um ihre Kraft und Ausdrucksstärke entfalten zu können. Die Bilder haben in ihren zahlreichen malerischen Wiederholungen keinen zentralen Blickpunkt, die unzähligen Linien und Streifen sind über die ganze Leinwand verteilt. Dabei weisen sie darüber hinaus und rufen das Gefühl des Unendlichen hervor, sie sprengen die Bildfläche mit ihrer expandierenden und überschreitenden Dynamik. Steht der Betrachter davor, kann er erkennen, dass es sich nur um einen kleinen Ausschnitt der künstlerischen Wirklichkeit handelt. Das Ende der Leinwand ist nicht das Ende des Bildes. Das unbegrenzte, unaufhörliche Bild ist nur in einem Ausschnitt darstellbar, denn die menschlichen Möglichkeiten sind begrenzt. Und als Betrachter soll man – ähnlich wie der Künstler beim Malen – ständig in Bewegung bleiben, sich dem Bild nähern, ein Detail betrachten, dann wieder zurücktreten, um das Unendliche „sehen“ zu können.

Das Ende des materiellen Bildes ist aber nicht beliebig, der gemalte Ausschnitt ganz bewusst gewählt. Die Balance muss gewahrt, die Komposition in sich geschlossen sein, damit das Prinzip Bild funktionieren kann. Oran malt dreiteilig, aus durchaus pragmatischen Gründen: Die Leinwände sind einfacher zu transportieren und haben auch leichter im Atelier oder der Galerie Platz. Doch es gibt einen weiteren Aspekt: Jede Leinwand ist in sich fertig, obwohl die Malerei zugleich weitergeht, Teil eines größeren Ganzen ist. Die Bilder können als Triptychon, aber auch einzeln, auf verschiedenen Wänden, gezeigt werden. Das Auge bringt die verstreuten Bilder wieder zusammen.

Die Farbschichten sind mindestens einen Millimeter stark, so dick, dass sich beim Abnehmen einzelner Schichten reliefartige Strukturen bilden und die Malereien bei näherer Betrachtung – besonders von der Seite – eine sehr plastische, dreidimensionale Oberfläche aufweisen. Auffallend ist in diesem Zusammenhang, dass sich Farbschichten und Linien an den Seitenleisten der Leinwände fortsetzen. Das verstärkt den objekthaft-haptischen Charakter der Malereien.

Kontinuität und Neuerfindung

Die Arbeiten der letzten Jahre sind in Istanbul entstanden. Es ist schwer zu sagen, ob der Klang, die Melodie, der Lärm der Stadt einen direkten Einfluss auf die Malerei hat. Aber die Versuchung, dies zu bejahen, ist groß. Vorher hat Oran lange in Wien gelebt und gearbeitet, viele der dort gemalten Bilder waren zurückhaltend monochrom, meditativ und ruhig, die Farben sanft und weich. Nun hat sich die Farbpalette verändert, sie ist vielfältiger geworden, oft auch grell und laut. Die monochrome Fläche wird überall aufgerissen, die Bilder sind in ihrer rhythmischen Dynamik voller Bewegung und Schwung, manchmal auch voller Unruhe.

Obwohl auf den ersten Blick die Malerei sehr verwandelt erscheint, ist bei genauerem Hinsehen eine Kontinuität wie auch eine stringente Weiterentwicklung früherer Arbeiten erkennbar. So öffnet Oran bereits ab den 1990er Jahren die mit mehreren Farbschichten überzogene Leinwand durch Wegkratzen – allerdings meist nur an einer Stelle im oberen oder unteren Bildteil in horizontaler Richtung. Er „häutet das Bild“, wie es Tayfun Belgin, Direktor des Osthaus Museums in Hagen (Deutschland), einmal treffend formuliert hat. Zumalen und Öffnen der Leinwand: Das gilt bis heute. Das Abnehmen der Farbe, das mich an Atmen erinnert, ist jetzt um einiges vielfältiger: Neben horizontalen und vertikalen Bahnen finden sich schräge, einander kreuzende Linien und Flächen in unterschiedlicher Dichte, Stärke und Druckkraft, sodass verschiedene Farben gleichzeitig herausgeschält werden und beeindruckende Muster entstehen. Die Bilder sind gestisch freier, vielleicht auch leidenschaftlicher geworden (dies erinnert allerdings wieder an expressiv-abstrakte Arbeiten vom Beginn der 90er Jahre). Der Betrachter braucht sich aber nur einen kleinen Ausschnitt eines neuen Bildes anzusehen und ihn mit einer älteren Arbeit zu vergleichen. Er wird überrascht sein, wie ähnlich sie sich sehen, und so die klar lineare künstlerische Entwicklung erkennen.

Die Farbe ist das wesentliche, das primäre Element der Werke Orans und bildet seit jeher die Basis seiner Arbeit, der atmosphärische Charakter des Kolorits ist heute der gleiche wie früher. In letzter Zeit bereichert der Strich als grafisches Element verstärkt die Malerei. Am Anfang seines künstlerischen Lebens hat Oran viel gezeichnet. Mit Kohle schuf er gegenständliche Studien und Skizzen. Doch dann, noch vor der Malerei, entstanden die ersten abstrakten Papierarbeiten, rund 100 mal 200 cm groß. Sie sind den neuen, viele Jahre später gemalten Arbeiten nicht unähnlich. Die Grafik – etwa auch arabische Buchstaben, rein als Zeichen gedeutet – spielt in Orans Kunst also immer wieder eine Rolle, in den neuen Bildern ist sie eines der hervorstechendsten Merkmale. Durch das Kratzen der Linien ist es dem Künstler gelungen, zeichnerische Elemente in das Medium der Malerei zu transferieren. Oran zeichnet auf der Leinwand – ohne Kohle oder Bleistift, die Striche sind schon da, er braucht sie nur noch freizulegen.

Es ist am Ende die große Unmittelbarkeit, Direktheit und Intensität, die die Ausdrucksstärke und Qualität von Ahmet Orans Arbeiten ausmacht. Der Kontrast zwischen der monochromen oder illusionistischen Oberflächengestaltung und den farbintensiven Bildöffnungen lässt die Malerei energetisch aufgeladen und für den Betrachter unheimlich präsent erscheinen. Oran gewährt uns ein intensives Bilderlebnis, er ermöglicht uns, an seiner leidenschaftlichen Verehrung der Malerei teilzuhaben. So möchte ich mit Worten von Paul Cézanne schließen: „Das, was den großen Maler ausmacht, das ist der Charakter, den er allem verleiht, was er berührt, der Geistesfunke, die Bewegung, die Leidenschaft, denn es gibt eine Klarheit auch in der Leidenschaft.“

Günther Oberhollenzer

Kurator, Essl Museum, Klosterneuburg/Wien


[1] Henri de Buretel zitiert Helen Frankenthaler, amerikanische Künstlerin des abstrakten Expressionismus, in: „Morris Louis“, Ausstellungskatalog, Westfälisches Landesmuseum, Münster 1996, S. 15.
[2] Vgl. „Malerei: Prozess und Expansion“, Ausstellungskatalog, Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, mit Essays u. a. von Edelbert Köb und Rainer Fuchs, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln 2010.